Dein Atem
Ich möchte heute gerne über etwas (eigentlich!) sehr Profanes schreiben – unsere Atmung! Unsere Atmung erlangt nicht zuletzt wegen Yoga, Atemmeditationen oder Breathwork immer mehr an Aufmerksamkeit in der Gesellschaft! Es dreht sich nicht mehr nur um Atmung im Sport, im Gesang oder anderen Lebensbereichen. Wir beginnen nach und nach (wieder) zu verstehen, wie kraftvoll die eigene Atmung in unserem „eigentlichen“ Leben ist und welchen Stellenwert sie in unserem Sein einnimmt. Wir setzen uns damit auseinander, lernen darüber, praktizieren und machen alle unsere individuellen Erfahrungen. Wir entdecken welcher Schatz tagein tagaus, Atemzug für Atemzug ganz automatisch unser physisches und energetisches Dasein steuert. Wie ist es uns also möglich, uns vom Atem so steuern zu lassen, dass er uns dient und uns eins mit der Unendlichkeit werden lässt?
Der Atem wird schon seit jeher mit dem Heiligen Geist gleichgesetzt. In den Kulturen wird er verehrt und mit der eigenen Lebensenergie in Verbindung gebracht. Im christlichen Einflussbereich ist es der Heilige Geist, im Griechischen ist es Pneuma (Geist, Wind; Pneumologie), im Hebräischen Ruach (Gotteswind), im Islam ist es Ruch (Wind Gottes). Im Buddhismus ist es Qi (Lebensenergie) und im Hinduismus und Yoga sprechen wir von Prana (vgl. Atman, großer Geist) was gleichbedeutend mit der Lebensenergie ist, die wir aufnehmen. Es ist der Geist, die Liebe und die Kraft Gottes, die wir mit jedem einzelnen Atemzug aufnehmen. Jeder dieser Atemzüge ist ein Geschenk! Es war unser erstes Geschenk als wir das Licht der Welt erblickten und es wird das letzte Geschenk sein, wenn wir das Licht Gottes erblicken werden. Und trotz allem geht er in unserem täglichen Leben doch immer wieder unter – findet wenig Beachtung oder nur für einen bestimmten Zeitraum (der Meditation, der Atemübungen, …).
Wie können wir diesem Geschenk also mehr Raum zugestehen? Aufmerksamkeit! Der einzig nötige Schritt ist Aufmerksamkeit. Wo liegt die eigene Aufmerksamkeit? Liegt sie in den Gedanken? Liegt sie (nur) im Außen? Wo sind wir, wenn wir leben? Und was passiert, wenn wir sie auf unsere Atmung richten? Was würde passieren, wenn Du im Wachzustand immerzu (!) auf Deinen eigenen Atem konzentriert bist? Was sagt der Verstand dazu, mag er das? Sat Nam! Das ist nicht wichtig! Es ist unsere Entscheidung, die wir mit jedem neuem Atemzug treffen können. Denn wieso stellen wir alles über das, was uns wirklich am Leben hält? Für mich ist hier ein deutliches Bild immer die Gegenüberstellung von Atmen, Trinken und Essen. Wir können ohne Essen, nur mit Trinken, Wochen bis Monate überleben. Trinken (und essen) wir nicht (und natürlich sind hier viele Faktoren mit zu beachten), überleben wir ca. vier Tage. Atmen wir nicht, … . Diese Zeitspanne dreht sich um die 10-15 Minuten (wenn man kein:e Apnoetaucher:in ist, Rekord: 29 Minuten). Und trotzdem schenken wir ihm in unserem täglichen Leben recht wenig Aufmerksamkeit, oder?
Gott fragt uns nicht danach, für seinen Lebensgeist aktiv werden zu müssen (wie z. B. ein Glas füllen, kochen, …). Er schenkt ihn uns einfach so! Im Islam steht geschrieben, dass „…Gott Adam von seinen Geist einblies und ihn auf diese Weise lebendig machte“ (Sure 15:29). Und so bläst Gott uns mit jedem Atemzug seinen Geist, seine Liebe, seine Nähe, seinen Schutz ein. Er füllt uns mit dem Ganzen Universum, mit dem Äther (vgl. Pneuma), um unsere Seele und all unsere Körper mit Leben zu füllen und uns zu beseelen. Es ist eine Gnade, dieses Geschenk zu erhalten und trotzdem, noch mal, schenken wir ihm so wenig Aufmerksamkeit. Was würde denn passieren, wenn wir dieses Geschenk immer wieder ganz bewusst öffnen, um zu erfahren, was wir dadurch erhalten?
Der Startpunkt ist für mich persönlich immer wieder, täglich, stündlich, …, die Lenkung der Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Wie fließt er? Ist er flach? Ist er schnell? Ist er langsam? Ist er tief? Und wenn ich spüre, dass er nicht langsam und tief ist (was wir im Yoga immer wieder üben dürfen), lenke ich die Aufmerksamkeit ganz sanft wieder dorthin und atme – bewusst, langsam, tief, vollständig, weich! Was dann passiert ist die Auflösung von allem! Es herrscht völlige Neutralität, das Herz ist vollkommen spürbar und es entsteht ein Sein. Alles balanciert sich (Energien, Verstand, Nervensysteme, Drüsensystem, Herzschlag, …). Unser Verstand mag glauben, dass wir dann nichts anderes mehr tun können. Ja, kann ich dann noch lesen, wenn ich mich auf den Atem konzentriere? Oder sprechen? Oder zuhören? Oder arbeiten? Oder oder oder… . Ja, absolut! Und sogar noch bewusster, klarer, authentischer, effektiver, aufmerksamer! Atmung und Yoga geht auch, oder?
Was passiert denn, wenn wir z. B. jemandem zuhören, OHNE auf unseren Atem konzentriert zu sein? Versetze Dich gerne mal in die Lage oder probiere es am besten direkt das nächste Mal aus! Der Mensch berichtet und spricht. Er erzählt uns z. B. über seinen Job. Was macht der Verstand normalerweise? „Mmh, vielleicht wäre ein Jobwechsel hilfreich. Mmh, das sehe ich jetzt (nicht) so. Mmh, was muss ich nachher noch mal einkaufen?“ Ist das Zuhören? Manche Menschen lassen den Verstand dabei sogar durch den Mund raus und unterbrechen, geben einen Rat-Schlag, erzählen von sich, … . Aber das ist eine andere Geschichte. Die gleiche Situation. Wir atmen bewusst lang und tief. Aus dem Yoga heraus weißt Du, dass die Gedanken dann automatisch leiser oder auch nicht mehr hörbar werden. Wir können in dem Moment die Worte wirklich hören, sie aufnehmen, nur wirken lassen und solange bei dem Menschen sein, bis dieser ausgesprochen hat. Und so ist dies mit allem im Leben. Das Arbeiten wird konzentrierter, das Lesen offener und weiter, das Sprechen herzlicher und klarer (ohne die Geschichten des Verstands).
Unser Leben verändert sich vom menschlichen zum göttlichen Leben! Wir gehen im Geiste Gottes auf. Wir geben alles andere in tiefer Liebe hin und lassen alles außerhalb dieses Geistes in die Heilung und die Hände Gottes. Der Atem kann alles verändern! Er ist das „Tool“, der Zugang zum bewussten Sein. Er ist losgelöst von Zeit und Raum. Er wirkt in unserem täglichen Tun bis hin zum Eins-Sein mit allem! Er ist das, was alles erhält/erhellt! In diesem Sinne: lasst uns atmen! Wäre die Atmung Teil des Schullehrplans, wäre das eine Revolution des Herzen! Erlaube Dir als das Experiment, so oft wie möglich in einen langen, tiefen Atem zu gehen, um zu erfahren, wie er sich im Kleinen wie im Großen auswirken kann. Lass ihn für Dich wirken! Lass Gott durch Dich wirken! Atme!